Testbiotech-EU-Gentechnik-Newsletter 2/2015

Das Wichtigste

Im April droht eine Massenzulassung gentechnisch veränderter Pflanzen für den Import/ Zulassung von Gentechnik-Mais 1507 aufgeschoben/ Glyphosat in der Kritik/ Beschwerde gegen das EU-Projekt GRACE eingereicht

Aktuelle Themen und Aktivitäten

  • Beschwerde wegen GRACE-Projekt
  • Zulassung von Gentechnik-Mais erneut verschoben
  • EU-Parlament macht EFSA Druck
  • EU-Kommission plant Massenzulassung von Gentechnik-Pflanzen für Import
  • Kritik an EU-Projekt PRICE
  • Kontroverse um RTDS-Raps von Cibus

Aktuelles aus der Wissenschaft:

  • Glyphosat krebserregend?
  • Gentechnik-Soja beeinflusst Gesundheit von Ziegen
  • EFSA prüft Studie zu Gentechnik-Soja Intacta
  • Bt-Pflanzen: Schädlinge auf dem Vormarsch

Abstimmungen über EU-Zulassungen

  • Nelken mit veränderter Blütenfarbe
  • Baumwolle MON531, MON1445 und MON531 x MON1445
  • Baumwolle MON15985

Neue Stellungnahmen der EFSA

  • Monitoring-Bericht zu MON810

Aktuelles

  • Testbiotech legt Beschwerde wegen EU-Projekt GRACE ein
    Testbiotech hat bei der europäischen Bürgerbeauftragten (EU-Ombudsfrau) Beschwerde wegen Untätigkeit der EU-Kommission eingelegt. Die Kommission hatte sich zuvor mehrfach geweigert, in dieser Angelegenheit aktiv zu werden. Testbiotech hatte aufgezeigt, dass Mitglieder des EU-Forschungsprojekts GRACE, das sich mit den Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen befasst, falsche oder ungenügende Angaben über mögliche Interessenkonflikte gemacht hatten.
  • Zulassung von Mais 1507 erneut aufgeschoben
    Nachdem Testbiotech gemeinsam mit Friends of the Earth die EU-Kommission darauf aufmerksam gemacht hatte, dass die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA ihre Risikobewertung für den Anbau von gentechnisch verändertem Mais erneut überprüfen muss, gibt es nun erste Meldungen, dass die EU-Kommission die geplante Anbauzulassung des Gentechnik-Mais verschoben hat. Grund dafür ist die bislang umfassendste Studie zur Verbreitung von Maispollen in der Umwelt. Forscher aus Bremen und Bonn hatten Daten zur Ausbreitung von Maispollen über einen Zeitraum von zehn Jahren ausgewertet und ihre Ergebnisse 2014 veröffentlicht. Die neue Studie zeigt, dass die Pollen oftmals mehrere Kilometer weit fliegen. Um die Raupen geschützter Schmetterlinge vor der Aufnahme der insektengiftigen Pollen zu schützen, empfehlen die Wissenschaftler, die Sicherheitsabstände stark auszuweiten.
  • EU-Parlament setzt EFSA unter Druck
    Im EU-Parlament gibt es – wie auch schon in den Jahren zuvor – erneut heftige Debatten über die Entlastung des Haushalts der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA. Zwar wird erwartet, dass Ende April eine Mehrheit im Parlament für die Entlastung des Haushalts von 2013 stimmen wird, aber viele Abgeordneten verlangen, dass die EFSA Nachbesserungen in ihrem Regelwerk vornimmt. Ein wichtiger Punkt für die Abgeordneten sind die Schlupflöcher in den Regeln zur Vermeidung von Interessenkonflikten. So hatte die Europäische Bürgerbeauftragte erst 2015 festgestellt, dass die EFSA bei der Risikobewertung gentechnisch veränderter Insekten nicht ausreichend überprüft hat, welche Interessen hinter den Experten stehen, die an den Beratungen beteiligt waren.
  • EU-Kommission plant Massenzulassung von Gentechnik-Pflanzen für den Import
    Es wird erwartet, dass die EU-Kommission im April etwa ein Dutzend Gentechnik-Pflanzen für den Import (Soja, Mais, Raps und Baumwolle) zulassen wird. Unter den zur Zulassung angemeldeten Pflanzen sind Sojabohnen, die gesünder machen sollen, aber nie auf Gesundheitseffekte getestet wurden, und Raps, der sich nach Transportverlusten unkontrolliert in der Umwelt ausbreiten wird. Damit würde die Anzahl der Pflanzen, die in der EU Futtermitteln und theoretisch auch Lebensmitteln beigemischt werden dürfen, auf etwa 60 ansteigen. Niemand hat allerdings je untersucht, was passiert, wenn man einen derartigen Cocktail von Gentechnik-Pflanzen tatsächlich zu sich nimmt. Testbiotech prüft daher, Beschwerde einzulegen, falls die Zulassungen erteilt werden sollten. http://www.testbiotech.org/node/1082, www.testbiotech.org/node/1064, siehe auch http://www.testbiotech.org/sites/default/files/Testbiotech_EU_Nachrichten_1_2015.pdf
  • Kritik an EU-Projekt PRICE
    In einer Pressemitteilung vom 19. März fasst das EU-Forschungsprojek PRICE seine Endergebnisse zusammen. Die beteiligten Experten behaupten, dass die vorhandenen Regeln ausreichen würden, um Probleme mit Kontaminationen durch gentechnisch veränderte Pflanzen zu vermeiden. Nicht erwähnt werden hingegen Untersuchungsergebnisse aus Portugal, bei denen zum Teil erhebliche Kontaminationen mit Gentechnik-Mais in Backwaren festgestellt wurden. PRICE-Experten untersuchten dabei die Herstellung von Maisbrot in Portugal. Sie beprobten 16 Brote aus sieben Regionen. Alle waren mit Gentechnik-Mais MON810 und NK603 belastet. Zum Teil betrug der Gentechnikanteil rund zehn Prozent. Projektkoordinator bei PRICE ist Justus Wesseler von der Universität Wageningen in den Niederlanden. Mit von der Partie ist auch Joachim Schiemann vom Julius Kühn-Institut in Deutschland. Beide sind auch am EU-Projekt GRACE beteiligt. Sowohl Justus Wesseler als auch Joachim Schiemann sind Mitglieder in verschiedenen industrienahen Organisationen wie zum Beispiel bei PRRI (Public Research and Regulation Initiative). PRRI hat u. a. Gelder von der Syngenta Foundation, dem globalen Dachverband der Gentechnikindustrie, CropLife International, dem US Grain Council, Monsanto und Arborgen erhalten.
    http://www.testbiotech.org/node/1189
  • RTDS-Raps von Cibus
    Die von Cibus unter dem Namen „Rapid Trait Development System“ (RTDS) verwendete Oligonukleotid-Technologie verändert das Erbgut der Pflanze durch die Einführung kurzer, synthetischer DNA-Sequenzen in die Zelle. Nach dem Wortlaut der EU-Richtlinie 2001/18 müssen alle Verfahren, bei denen genetisches Material im Labor aufbereitet und in die Zellen eingeführt wird, als gentechnische Verfahren angesehen werden. Das Bundesministerium für Landwirtschaft unter Leitung von Christian Schmid stuft das Verfahren dagegen „nicht als Gentechnik im Sinne des Gentechnikgesetzes“ ein. Demnach können entsprechende herbizidresistente Rapspflanzen ohne Sicherheitsprüfung und Kennzeichnung angebaut werden. Mit dieser Einschätzung wird dem Wunsch der Industrie entsprochen: Diese will – unter anderem im Hinblick auf das geplante Freihandelsabkommen TTIP – möglichst eine komplette Abschaffung der Pflicht zu Kennzeichnung und Risikoabschätzung gentechnisch veränderter Organismen erreichen. Nachdem verschiedene Verbände die Zulassung kritisiert hatten, gaben industrienahe Wissenschaftler prompt eine Stellungnahme im Namen von acatech (Deutsche Akademie der Technikwissenschaften) und Leopoldina (Deutsche Akademie der Naturforscher) heraus. Sie treten dafür ein, dass die EU-Zulassungsverfahren so ähnlich wie in den USA organisiert werden. Initiiert wurde der Aufruf u. a. von Bernd Müller-Röber, der an rund einem Dutzend Patentanmeldungen auf gentechnisch veränderte Pflanzen beteiligt ist. http://www.acatech.de/de/publikationen/publikationssuche/detail/artikel/akademien-nehmen-stellung-zu-fortschritten-der-molekularen-zuechtung-und-zum-erwogenen-nationalen-an.html, http://www.testbiotech.org/node/1178
  • Neues aus der Wissenschaft

  • Glyphosat krebserregend?
    Laut einer im Fachjournal The Lancet veröffentlichten Bewertung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) ist das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ einzustufen. Den Experten der Institution zufolge führte der Wirkstoff bei Tierversuchen zudem zu DNA- und Chromosomenschäden. Die IARC-Bewertung zu gesundheitlichen Risiken von Glyphosat steht damit im Gegensatz zur bisherigen Einstufung des Wirkstoffs in der EU. Testbiotech hatte bereits im Jahr 2014 auf Mängel in der Risikobewertung durch die deutschen Behörden hingewiesen. http://www.thelancet.com/journals/lanonc/article/PIIS1470-2045%2815%2970134-8/abstract, http://www.testbiotech.org/en/node/1094.
  • Gentechnik-Soja schadet der Gesundheit von Ziegen
    In einer aktuellen Publikation von Wissenschaftlern der Universität Neapel wird über eine deutliche Beeinträchtigung bei Nachkommen von Ziegen berichtet, die mit gentechnisch veränderter Soja gefüttert wurden. Demnach war die Milch der Tiere verändert, und die Zicklein wiesen ein deutlich verringertes Gewicht auf. Abschnitte des Erbguts der Gentechnik-Soja überstanden offensichtlich die Verdauung und waren noch in der Milch der Tiere nachweisbar. Nach Ansicht der Wissenschaftler führt die Verfütterung der herbizidresistenten Gentechnik-Soja bei den Muttertieren unmittelbar nach der Geburt zu einem geringeren Anteil an Eiweißstoffen (Immunglobulinen) in der Milch, was dann ein verringertes Gewicht bei deren Nachkommen verursacht. Bereits in einer früheren Untersuchung hatten die Wissenschaftler Gentechnik-DNA in der Milch von Ziegen gefunden und über Veränderungen bestimmter Laborwerte bei den Zicklein berichtet, die mit dieser Milch gefüttert worden waren.
    http://www.testbiotech.org/node/1153
  • Gentechnik-Soja Intacta erneut auf dem Prüfstand
    Wie Testbiotech im Oktober 2014 berichtete, wird in einer wissenschaftlichen Publikation, an der Mitarbeiter von Monsanto beteiligt waren, warnend darauf hingewiesen, dass der Anbau der gentechnisch veränderten Soja Intacta (MON 87701 × MON 89788) die Ausbreitung bestimmter Schädlinge befördern kann. Mögliche Ursache sind laut dieser Veröffentlichung ungewollte Effekte, die durch die gentechnische Veränderung verursacht wurden. Die gentechnisch veränderte Soja des US-Unternehmens Monsanto ist resistent gegenüber dem Spritzmittel Glyphosat und produziert ein Bt-Insektengift. Testbiotech hatte wegen der Importzulassung dieser Gentechnik-Soja vor dem EU-Gerichtshof geklagt. In einem Schreiben vom Februar 2015 verlangte die EU-Kommission von der EFSA, die neue Publikation zu prüfen. Die EFSA fand jedoch keinen Grund, ihre bisherige Stellungnahme zu revidieren.
    http://www.testbiotech.org/en/node/1098, http://www.efsa.europa.eu/en/supporting/doc/791e.pdf
  • Bt-Pflanzen: Fraßschädlinge auf dem Vormarsch
    Mehrfach hat Testbiotech bereits über die Ausbreitung resistenter Schädlinge im Maisanbau in den USA berichtet. Jetzt droht die US-Umweltbehörde EPA erstmals mit Konsequenzen: Der Anbau von Gentechnik-Mais, der ein Insektengift produziert, aber den Maiswurzelbohrer nicht effektiv kontrollieren kann, soll eingeschränkt werden. Betroffen von dieser Maßnahme wäre insbesondere der US-Konzern Monsanto.
    http://www.wsj.com/articles/limits-sought-on-gmo-corn-as-pest-resistance-grows-1425587078, http://www.testbiotech.org/en/node/1075
  • Abstimmungen über EU-Zulassungen

    Am 31. 3. stimmte der sogenannte Berufungsausschuss der EU über die Verlängerung der Importzulassung der Gentechnik-Baumwolle MON531, MON1445 und deren Kreuzung (MON531 x MON1445) ab. Zudem wurde über die Neuzulassung der Gentechnik-Baumwolle MON15985 für den Import und die Verwendung in Futter- und Lebensmitteln abgestimmt. Testbiotech hatte im September 2014 die Stellungnahme der EFSA zur Gentechnik-Baumwolle MON15985 kritisch kommentiert (www.testbiotech.org/en/node/1097). Neben der Baumwolle stand auch der Import gentechnisch veränderter Nelken der Firma Florigene (veränderte Blütenfarbe) auf der Agenda. In keinem Fall wurden ausreichende Mehrheiten für oder gegen die Zulassung erreicht. Damit ist leider zu erwarten, dass die EU-Kommission die Importe genehmigen wird.

    Neue Stellungnahmen der EFSA

    Die EFSA hat den Monitoring-Bericht von Monsanto für das Jahr 2013 zum Anbau von Gentechnik-Mais MON810 bewertet.
    Laut EU-Richtlinie 2001/18 muss beim Anbau von Gentechnik-Pflanzen regelmäßig eine Stellungnahme verfasst werden, in der über mögliche unerwartete Auswirkungen auf Mensch und Umwelt berichtet wird. Nach Ansicht der EFSA hat Monsanto seine Monitoring-Pflicht nicht ausreichend erfüllt: Die von Monsanto vorgelegten Informationen reichen demnach nicht aus, um zu beurteilen, ob es beim Anbau der Pflanzen zu negativen Auswirkungen gekommen ist. http://www.efsa.europa.eu/en/efsajournal/doc/4039.pdf
    Von der EFSA werden insbesondere Auswirkungen auf Kurzflügler befürchtet, eine Familie der Käfer, zu der einige seltene und viele nützliche Arten zählen. Schon in den letzten Jahren hatte die EFSA die Berichte von Monsanto kritisiert. Für das Jahr 2013 hat Monsanto aber noch weniger Informationen als in den Jahren zuvor eingereicht. Es ist nun die Aufgabe der EU-Kommission, gegen diese Verletzung der Berichtspflicht vorzugehen oder aber den Anbau von MON810 zu stoppen.

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