Gen-Schere kann Pflanzenzüchtung nicht ersetzen

Nobelpreisträgerin propagiert verdrehten Begriff der Nachhaltigkeit

7. Januar 2022 / Christiane Nüsslein-Volhard, Medizin-Nobelpreisträgerin von 1995, tritt in einem Beitrag der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) vehement für den Einsatz der Neuen Gentechnik in der Landwirtschaft ein. Sie nennt die CRISPR/Cas-Technologie eine „Grüne Genschere“. Ihrer Ansicht nach kann die Neue Gentechnik Pflanzen resistenter und gesünder machen. Zudem sei die Technik schneller als die bisherige Züchtung und eine „nachhaltige Lösung“.

Mit dieser Meinung steht Frau Nüsslein-Volhard nicht allein. Sie ist von der Logik und der Hybris einer Forschung geprägt, die ihre Ergebnisse vermarkten will, sei es in Form von Forschungsaufträgen, Patenten oder Produkten. Statements dieser Art sind oft von einer sehr eindimensionalen Sichtweise geprägt: Das technische Potential der Gen-Schere wird nur in Zusammenhang mit möglichen Vorteilen erwähnt, die Risiken werden ausgeblendet. Dabei wird auch nicht gesagt, dass es wohl kaum Superpflanzen geben kann, die auf alle Klimaextreme gleichermaßen gut reagieren.

Erhellend ist ein Blick nach Japan, dem Land mit den bisher meisten Zulassungen von CRISPR-Organismen (drei insgesamt): Dort wird eine mit der Gen-Schere veränderte Tomate vermarktet, die angeblich blutdrucksenkende Wirkung hat. Diese Wirkung wurde aber ebenso wenig untersucht wie mögliche Nebenwirkungen des Verzehrs der Früchte. Dazu kommen zwei Varianten von Fischen, bei denen per CRISPR/Cas krankmachende Gendefekte ausgelöst wurden, damit sie schneller zunehmen. Das ist keine ‚Nachhaltigkeit‘, sondern eine fehlgeleitete Entwicklung. Es handelt sich um ‚falschen Fortschritt‘, befördert durch das Fehlen einer wirksamen Regulierung.

Die Neue Gentechnik macht es möglich, dass innerhalb kurzer Zeiträume sehr viele Organismen mit neuartigen Genotypen in die Umwelt entlassen werden. Die spezifischen genetischen Veränderungen können beabsichtigt sein, oder, bedingt durch die technischen Verfahren, auch unbeabsichtigt. Weil ihnen die evolutionäre Anpassung fehlt, kann eine unkontrollierte Freisetzung dieser Organismen die Sicherheit unserer Ernährung gefährden, die Ökosysteme destabilisieren und das Artensterben beschleunigen.

Vor diesem Hintergrund tritt Testbiotech für eine systemische und umfassende Bewertung des Einsatzes der Neuen Gentechnik in Bezug auf die Umwelt ein: Auch wenn es möglich ist, dass sich in einzelnen Fällen bestimmte Vorteile ergeben, kann die Gentechnik die bisherige Züchtung nicht ersetzen. Wird sie nicht ausreichend reguliert, kann sie bestehende Fehlentwicklungen verstärken und auch zu neuen Gefährdungen für Mensch, Tier und Umwelt führen.

Im Umgang mit der Neuen Gentechnik sollte es deswegen, ähnlich wie bei Pestiziden, einen grundsätzlichen Vorbehalt geben: Freisetzungen von gentechnisch veränderten Organismen müssen möglichst vermieden werden. Geht es um mögliche Vorteile, sollten diese im Hinblick auf die tatsächlichen Probleme eingehend untersucht werden. Erst dann kann, unter Einbeziehung der Risiken, eine sinnvolle Diskussion über die Notwendigkeit ihres Einsatzes geführt werden. Dagegen ist es falsch, grundsätzlich von einem Vorteil der Neuen Gentechnik gegenüber der bisherigen Züchtung auszugehen.

‚Guter Fortschritt‘ kann nur organisiert werden, wenn wir es sowohl vermeiden, mögliche Vorteile zu eindimensional darzustellen, als auch den Begriff der Nachhaltigkeit zu verdrehen. Im Raum steht die Bedrohung durch eine weitere menschengemachte Krise, die u.a. das Artensterben beschleunigen und die Grundlagen unserer Ernährung gefährden kann. Aus dieser Perspektive müssen Grenzen und Leitplanken gesetzt werden, um zu verhindern, dass durch die Technologie mehr Probleme verursacht als gelöst werden. Das gilt insbesondere für die neue Bundesregierung, die „mehr Fortschritt wagen“ will und jetzt genauer sagen muss, wohin die Reise gehen soll.

Kontakt:
Christoph Then, Tel 0151 54638040, info@testbiotech.de

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