Dünnfellige CRISPR-Rinder

CRISPR soll die Rinder für den Klimawandel wappnen

In den USA hat die Aufsichtsbehörde FDA (Food and Drug Administration) Rinder, die mit CRISPR/Cas so verändert wurden, dass ihr Haarwuchs verringert ist, zur landwirtschaftlichen Nutzung zugelassen. Das dünnere Fell soll helfen, die Anpassung der Tiere an höhere Temperaturen zu erleichtern, und so u.a. schnellere Gewichtszunahmen ermöglichen. Doch die angeblichen Vorteile des Einsatzes der Gen-Schere sind fraglich: Ob es tatsächlich einen Bedarf für derartige Tiere gibt, ist zweifelhaft, denn die erwünschten Merkmale können auch mit konventioneller Zucht erreicht werden.

Vermarktet werden sollen die Tiere über die Firma Recombinetics und deren Tochterunternehmen Acceligen, die auch Patente auf die Rinder angemeldet haben. Die Firmen setzten die Gen-Schere CRISPR/Cas ein, um Gene für einen Rezeptor des Hormons Prolactin zu verändern. Ziel ist, den Haarwuchs der Tiere zu verringern. Dieses züchterische Merkmal, bekannt unter dem Namen SLICK, ist bereits von Rindern aus traditioneller Zucht bekannt. Laut verschiedener Untersuchungen sollen diese besser mit höheren Umgebungstemperaturen zurechtkommen.

Es ist bereits der zweite Anlauf in den USA, Rinder zur Zulassung zu bringen, deren Erbgut mit Gen-Scheren verändert wurde. 2019 lehnte die FDA die Zulassung von Rindern ab, denen dank Neuer Gentechnik keine Hörner wuchsen. Es zeigten sich aber schwerwiegende Fehler, die sich auch auf die nächste Generation vererbt hatten [LINK]. Die betroffenen Tiere mussten getötet werden. An den damaligen Versuchen waren auch ExpertInnen beteiligt, die jetzt die Zulassung der SLICK-Gentechnik-Rinder als Erfolg preisen.

Auch die nun zugelassenen Rinder weisen ungewollte genetische Veränderungen auf, welche allerdings als weniger bedenklich angesehen werden. Ob die Tiere aber tatsächlich langfristig gesund sind, ist den Unterlagen der Behörde nicht zu entnehmen. Der Grund: Es wurden lediglich vier Kälber untersucht, von denen eines nicht gentechnisch verändert war, wohl weil die Gen-Schere nicht funktioniert hatte. Ein anderes starb unerwartet, wobei die US-Behörde annimmt, dass der Tod des Tieres nicht ursächlich auf die gentechnische Veränderung zurückzuführen ist.

Bei dem Verfahren wurden die Gen-Scheren in Embryonen injiziert, die dann von Leihmutter-Kühen ausgetragen wurden. Dabei ist in der Regel mit Ausfällen und kranken Tieren zu rechnen. Auffällig ist, dass auch die beiden ‚erfolgreich‘ manipulierten Rinder nicht in all ihren Zellen gleichermaßen gentechnisch verändert sind. Man spricht von einem genetischen Mosaik oder auch von Chimären-Bildung.

ExpertInnen warnen davor, dass Zuchtmaterial der Tiere wie Sperma auch in die EU importiert werden könnte. Sollten Importe ohne wirksame Kontrollen durchgeführt werden, könnte sich das Erbgut der Gentechnik-Tiere und damit auch mögliche Erbfehler rasch in Rinderherden ausbreiten.

Dieses Beispiel wirft die Frage auf, wie wir grundsätzlich mit Gentechnik-Organismen umgehen sollten. Die technischen Möglichkeiten führen dazu, dass (fast?) alles, was möglich und vermarktbar scheint, auch gemacht und ausprobiert werden wird. In diesem Fall wird ein züchterisches Merkmal, welches bereits aus der Zucht bekannt ist, mittels Gentechnik ‚hergestellt‘ und patentiert. Aus Sicht der Technikfolgenabschätzung weisen die Gentechnik-Tiere im Vergleich zu jenen aus konventioneller Zucht keine erheblichen Vorteile auf. Dagegen dürften die Unsicherheiten, die mit den ungewollten gentechnischen Veränderungen einhergehen, die zusätzlich durchgeführten Tierversuche und die Auswirkungen der Patentierung für viele TierhalterInnen eher abschreckend wirken.

 

 

Publication year: 
2022