Standards der Risikoprüfung: Druck auf EU-Kommission und EFSA wächst

EU-Parlament stimmt erneut gegen Neuzulassungen von Gentechnik-Pflanzen

11. März 2021 / Erneut hat das EU-Parlament mit großer Mehrheit gegen Zulassungen von gentechnisch veränderten Pflanzen gestimmt. In den gestern verabschiedeten Resolutionen wird dabei auf erhebliche Lücken in der Risikoprüfung der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) hingewiesen. Bereits zuvor fanden zahlreiche Anträge auf Importzulassung der Pflanzen bei Abstimmungen unter EU-Mitgliedsstaaten keine Mehrheiten. Damit wächst der Druck auf die EU-Kommission, wesentlich kritischer mit den Prüfberichten der EFSA und den Anträgen auf Marktzulassungen umzugehen.

Die aktuellen Abstimmungen im Parlament betreffen Importanträge für Baumwolle (als Lebens- und Futtermittel) von Monsanto/Bayer und Mais von Syngenta/ChemChina. Der Mais MZIR098 ist resistent gegen das Herbizid Glufosinat und produziert zwei synthetische Insektengifte (Bt-Toxine). Die Baumwolle GHB614 × T304-40 × GHB119 ist resistent gegen Glufosinat und Glyphosat und produziert ebenfalls zwei Bt-Insektengifte.

In den Resolutionen der EU-Abgeordneten wird auf lange ignorierte Risiken verwiesen: So können die Bt-Toxine, wie sie in den Pflanzen produziert werden, wesentlich giftiger sein, als die isolierten Toxine, wie sie oft zur Risikoprüfung verwendet werden. Die Bt-Gifte stehen zudem im Verdacht, an Immunreaktionen beteiligt zu sein.

Bei den Zulassungsprüfungen werden regelmäßig gesetzlich verbindliche Vorgaben ignoriert, nach denen die Pflanzen bei Freilandversuchen unter realistischen Bedingungen getestet werden müssen, die für die relevanten Anbauländer repräsentativ sind. Das ist notwendig, um Auswirkungen von Umweltfaktoren auf die Genaktivität und die Inhaltsstoffe der Pflanzen zu untersuchen. Stattdessen werden die Gentechnik-Pflanzen vor ihrer Zulassung meist nur in den USA und an Standorten getestet, die relativ wenige Unterschiede in ihren Umweltbedingungen aufweisen. Sie werden dabei zudem mit wesentlich weniger Herbiziden gespritzt, als in der Praxis üblich ist. Auch finden die Bedingungen des Klimawandels, die zu einer erhöhten Stressbelastung der Pflanzen führen, keine Berücksichtigung.

Neue Fragen bezüglich der gesundheitlichen Auswirkungen des Verzehrs der Ernte dieser Pflanzen ergeben sich unter anderem aus Untersuchungen an Darmbakterien: Deren Zusammensetzung ändert sich, wenn sie den Spitzmitteln ausgesetzt werden, gegen die diese Pflanzen resistent gemacht sind. Deren Rückstände finden sich regelmäßig in den Produkten, die von diesen Pflanzen stammen. Diese und andere Risiken wie Kombinationseffekte werden vor der Zulassung nicht oder nur in geringem Umfang berücksichtigt.

Insgesamt zeigt sich, dass die jahrelang von der EU-Kommission und der Industrie behauptete Sicherheit der Pflanzen zu großen Teilen auf einer unvollständigen Risikoprüfung und mangelhaften Daten beruht: Geprüft wird meist nur das, was sich in kurzen Zeiträumen und mit wenig Kosten untersuchen lässt. Die tatsächliche Komplexität der Risiken bleibt zu großen Teilen außen vor. Darauf hatte Testbiotech jüngst in einem Bericht verwiesen.

Auch bei den Risiken für die Umwelt zeigen sich neue Gefahren: So weist gentechnisch veränderte Baumwolle unerwartete Eigenschaften auf, die ihre Ausbreitung in wilden Populationen begünstigt. Es wird befürchtet, dass dies erhebliche Folgen für die Zentren der biologischen Vielfalt der Baumwolle in Mexiko haben wird.

Vor diesem Hintergrund fordert Testbiotech ein Moratorium für EU-Zulassungen von Gentechnik-Pflanzen, wesentlich höhere Standards für die Risikoprüfung und eine Neubewertung der bereits erteilten Genehmigungen.

Kontakt:
Christoph Then, info@testbiotech.org, Tel 0151 54638040

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