Konflikt um wissenschaftliche Chefberaterin der EU-Kommission spitzt sich zu

Kritiker schicken weiteren Brief an Jean-Claude Juncker

19. August 2014 Verschiedene Organisationen, darunter auch Testbiotech, haben ihre Kritik an der Position eines wissenschaftlichen Chefberaters der EU-Kommission bekräftigt. In einem Brief, der heute veröffentlicht wurde, heißt es unter anderem, dass diese Position einer einzelnen Person zu viel Einfluss zugestehe. Es wird davor gewarnt, dass Industrielobbyisten wissenschaftliche Beratung umso leichter kontrollieren können, je stärker diese in den Händen einer einzelnen Person liege. Die Position eines wissenschaftlichen Chefberaters war 2011 durch den derzeitigen Präsidenten der EU-Kommission, Manuel Barroso, geschaffen worden. Im Juli 2014 hatten neun Organisationen in einem gemeinsamen Brief an an den künftigen Präsidenten der Kommission, Jean-Claude Juncker, gefordert, diese Stelle nicht erneut zu besetzen.

Testbiotech ist besorgt darüber, dass Anne Glover, die derzeit die Position der wissenschaftlichen Chefberaterin innehat, in ihrer Arbeit wohl erheblich von den Interessen der Biotech-Industrie beeinflusst wird. Es wird zwar nichts konkret darüber mitgeteilt, ob, wie und zu welchen Themen Anne Glover den scheidenden EU-Kommissionspräsidenten Barroso tatsächlich beraten hat. Sie hat sich aber während ihrer kurzen Amtszeit öffentlich und in zahlreichen Fällen mehr als deutlich für den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft stark gemacht, dafür kräftig die Werbetrommel gerührt und in diesem Zusammenhang die Kritiker der Gentechnik sogar als verrückt bezeichnet.

Neben zahlreichen öffentlichen Äußerungen, von denen Testbiotech jetzt einige dokumentiert hat, gehen auch verschiedene öffentliche Aktivitäten sehr stark in eine bestimmte Richtung: Im März 2014 trat Glover als Hauptrednerin bei der Jahreskonferenz des industriefinanzierten International Life Science Institute (ILSI) auf. Im November 2014 will sie nach Afrika reisen und dort bei einer Veranstaltung der International Society for Biosafety Research (ISBR) sprechen, einer industrienahen Vereinigung, deren Konferenzen von Konzernen wie Monsanto, Bayer, Dow AgroSciences, DuPont, Syngenta sowie dem Dachverband der Gentechnik-Industrie (CropLife International) gesponsert werden. Bereits 2013 warb sie in Afrika für den Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen in der Landwirtschaft.

Glovers zentrale Botschaft ist schlicht und im Kern unwissenschaftlich. Sie lautet, dass es einen wissenschaftlichen Konsens über die Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen gäbe. Mit sehr ähnlichen Worten behauptet die Gentechnik-Industrie schon seit Jahren, dass ihre Produkte so sicher seien wie die aus der konventionellen Pflanzenzucht. Wie Testbiotech mehrfach gezeigt hat, basieren solche Aussagen zum größten Teil darauf, dass Risiken nur so oberflächlich untersucht werden, dass es kaum zu relevanten Ergebnissen kommen kann. Zu dieser Schlussfolgerung kommt Testbiotech nach einer detaillierten Analyse der Dossiers, die von der Industrie vorgelegt werden, sowie aufgrund eines eklatanten Mangels an unabhängiger Risikoforschung.

Testbiotech unterstützt mit Nachdruck die Forderung, die Position des wissenschaftlichen Chefberaters der EU-Kommission abzuschaffen. Die Idee, dass eine einzelne Person oder eine Institution als wissenschaftlich oberste Entscheidungsinstanz funktionieren kann, ist nicht zeitgemäß und entspricht nicht dem Charakter seriöser wissenschaftlicher Arbeitsweise. Stattdessen sollte der systematische Aufbau von kritischer und industrieunabhängiger Expertise Priorität bekommen. Dies ist der einzig verlässliche Weg, der Gesellschaft und den politischen Entscheidungsträgern eine ausreichende Bandbreite wissenschaftlicher Expertise über risikobehaftete und kontroverse Technologien wie der Gentechnik zur Verfügung zu stellen.

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