Freie Bahn für eine disruptive Technologie?

Umweltausschuss des Europäischen Parlaments stimmt für Deregulierung von NGT-Pflanzen

28. Januar 2026

Der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments hat für die Deregulierung von Pflanzen aus Neuer Gentechnik (NGT) gestimmt. Nach den aktuellen Plänen der EU soll eine Prüfung von Umweltrisiken der NGT-Pflanzen nur in seltenen Fällen vorgeschrieben sein. Insbesondere würde eine willkürliche Schwelle von 20 genetischen Veränderungen zu einem zentralen Bestandteil der künftigen Gesetzgebung. Nach aktuellen Schätzungen könnten damit mehr als 90 Prozent aller NGT-Pflanzen ohne obligatorische Prüfung der Umweltrisiken auf den Markt kommen.

Wird der Vorschlag in den nächsten Wochen endgültig verabschiedet, gilt er auch für Wildpflanzen, die sich dann innerhalb natürlicher Populationen ausbreiten könnten. In Zusammenhang mit NGT-Pflanzen wurden bereits viele Risiken für die Umwelt in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben, wie negative Auswirkungen auf Bestäuber und Nahrungsnetze, erhöhtes Invasionspotenzial, Schwächung natürlicher Pflanzenpopulationen, Ertragseinbußen, Toxizität für Insekten, unbeabsichtigte Auswirkungen auf Bodenorganismen und die Gefährdung geschützter Arten.

Der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) könnte dazu führen, dass sich die Risiken drastisch steigern: Innerhalb des vorgeschlagenen neuen Rechtsrahmens könnte KI leicht dazu genutzt werden, NGT-Pflanzen zu entwickeln, die zwar den vorgeschlagenen Schwellenwert nicht überschreiten, aber dennoch erhebliche Risiken für die Umwelt darstellen.

Tatsächlich erhielte die Industrie durch ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren freie Hand für den Import und die Freisetzung ihrer Pflanzen, ohne Rücksicht auf die Folgen für Gesundheit oder Umwelt. Mit der geplanten NGT-Verordnung ist die EU daher dabei, ihre Verantwortung für einen sicheren Umgang mit den neuen Technologien an die Kräfte des freien Marktes abzugeben.

Dies liegt ganz im Interesse großer Firmen wie dem US-amerikanischen Konzern Corteva, dem weltweit wichtigsten Akteur bei Patentanmeldungen für NGT-Pflanzen. Nach Ansicht von Firmen können NGTs mit Bezug auf die Wirtschaft als disruptive Technologien betrachtet werden. Aus Sicht des Gesundheits- und Umweltschutzes ist dies jedoch genau der Kern des Problems: Unzureichend kontrollierte Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen können unsere Lebensgrundlagen und die Zukunft der biologischen Vielfalt in Europa gefährden.

Das wichtigste Werkzeug, das bei NGTs zum Einsatz kommt, sind Gen-Scheren wie CRISPR/Cas, die in der Lage sind, viele Einschränkungen der konventionellen Züchtung zu überwinden. Gen-Scheren sind rekombinante enzymatische Mutagene, mit denen Genvarianten und Genkombinationen eingeführt werden können, die bisher unbekannt waren und mit konventionellen Züchtungsmethoden faktisch nicht zu erzielen sind. Oft reichen dafür bereits wenige genetische Veränderungen aus. Diese Genotypen und die daraus resultierenden NGT-Pflanzen müssten als ‘neu für die Umwelt’ betrachtet werden und daher einer Risikobewertung unterzogen werden. Das neue Regelwerk der EU würde hier weitestgehend versagen. Bis es endgültig angenommen wird, hat der Vorschlag allerdings noch mehrere Hürden bei Abstimmungen der Mitgliedsstaaten und des Parlaments zu nehmen.

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Christoph Then, info@testbiotech.org, Tel 0151 54638040