Europäische Kommission will Freisetzungen gentechnisch veränderter Mikroorganismen beschleunigen

Neue Richtlinie soll Schutzstandards absenken

18. März 2026

In naher Zukunft könnten gentechnisch veränderte Bakterien vielfältig eingesetzt werden: im Verdauungstrakt von Rindern, Schweinen und Geflügel, in Lebensmitteln, als Pestizide in der Umwelt oder als Düngemittel auf Ackerböden. Auch Anwendungen am Menschen sind in der Entwicklung. Viele dieser Anwendungen sind mit erheblichen Risiken verbunden. Trotzdem will die EU-Kommission die Sicherheitsstandards stark absenken. In einer Stellungnahme für das Bundesministerium für Landwirtschaft (BMLEH) wendet sich Testbiotech gegen diese Pläne.

Der Vorschlag der EU-Kommission zielt darauf ab, für gentechnisch veränderte Mikroorganismen (GVMO) eine spezielle Kategorie zu schaffen, um einen beschleunigten Marktzugang zu ermöglichen. Ausnahmen von der Umweltrisikoprüfung sollen für Mikroben wie Algen, Bakterien, Pilze, Hefen und Viren gelten, die die Kriterien für die eine ‚qualifizierte Sicherheitsannahme‘ (Qualified Presumption of Safety, QPS) erfüllen.

QPS ist ein Verfahren zur Vereinfachung der Sicherheitsbewertung, das bisher in der Lebensmittelherstellung eingesetzt wird. Die QPS-Liste, die laufend erweitert wird, umfasst aktuell mehr als 120 Mikroorganismen. Diese gelten als ‚sicher’, wenn sie keine ‚bedenklichen Gene‘ enthalten. Damit sind insbesondere neue Resistenzgene gegen Antibiotika gemeint.

In Zukunft sollen alle erteilten Genehmigungen unbefristet gelten, bisher sind sie auf 10 Jahre begrenzt. Nachweisverfahren werden nicht mehr in jedem Fall verlangt. Die EU-Kommission soll zusätzlich weitreichende Möglichkeiten erhalten, die jeweiligen Bestimmungen in Zukunft zu verändern.

Nach Einschätzung von Testbiotech sind diese Pläne abzulehnen. In den vergangenen Jahren wurden mit den Verfahren der Neuen Gentechnik (NGT) die Möglichkeiten zur gentechnischen Veränderung von Mikroorganismen ausgeweitet. Auch durch die Konvergenz mit den Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz (KI) sind in Zukunft viele neue Anwendungen zu erwarten. Die Sicherheitsstandards sollten folglich eher erhöht werden. Entscheidungen über die Sicherheit von gentechnisch veränderten Mikroorganismen könnten nicht auf Grundlage von generellen Annahmen getroffen werden.

Das Wissen über Mikroorganismen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Ihre Eigenschaften können kaum unabhängig von Interaktionen mit anderen Arten bzw. der Umwelt gesehen werden. Eine aktuelle Publikation zeigt, dass sich bspw. Resistenzen durch Bakterien über den ganzen Globus und in verschiedenen Ökosystemen ausbreiten können, so dass sie gleichzeitig im Abwasser, in Flussmündungen, in Seen, in terrestrischen Ökosystemen und im menschlichen Darm nachweisbar sind.

Die Risiken von GVMO betreffen insbesondere Mikrobiome, d.h. die komplexe Zusammensetzung von Mikroorganismen, die den Darm von Mensch und Tier ebenso besiedeln wie die Wurzeln von Pflanzen. Auch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA sieht hier Risiken und große Unsicherheiten, die sie in ihren Richtlinien zur Risikoprüfung aber weitgehend ausspart. Die EFSA hat auch keine Leitlinien für die Risikobewertung von Mischungen verschiedener GVMOs entwickelt, obwohl manche Firmen den Einsatz solcher Präparate bereits planen. Die Leitlinien der EFSA wären für die Implementierung der neuen Richtlinie aber entscheidend.

Hinzu kommen prozedurale Bedenken. Die Kommission hat in diesem Zusammenhang weder eine Konsultation noch eine Folgenabschätzung durchgeführt und argumentiert mit „Dringlichkeit“, ohne dies ausreichend zu begründen. Außerdem hat sie die künftige Regulierung von GVMOs in eine gemeinsame Richtlinie zur Aufbereitung von Transplantationsorganen gepackt. Ein fachlicher Grund für die Kombination dieser sehr unterschiedlichen Themen ist nicht erkennbar. Testbiotech fordert, diese Themen in getrennten Vorschlägen zu behandeln sowie die Konsultation und Folgenabschätzung nachzuholen, um ein sachgerechtes Verfahren zu gewährleisten.

Kontakt:

Christoph Then, info@testbiotech.org, Tel 0151 54638040

Weitere Informationen:

Die Stellungnahme von Testbiotech

Der Vorschlag für die neue Richtlinie

Aktuelle Publikation zur globalen Ausbreitung von Mikroben

Die QPS-Liste der EFSA