Einseitige Fragen und falsche Annahmen

Wie die EU-Kommission und die EFSA eine Deregulierung der Neuen Gentechnik vorbereiten

30. Juni 2022 / Testbiotech hat sich an einer Konsultation der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) zu Richtlinien der Risikobewertung von ‚cisgenen‘ Pflanzen beteiligt, die Anfang dieser Woche endete. Diese Pflanzen sind gentechnisch verändert, im Gegensatz zu transgenen Pflanzen sollen aber keine Gene von fremden Arten übertragen werden. In ihrem Entwurf schlägt die EFSA vor, zukünftig auch die meisten Anwendungen der Gen-Schere CRISPR/Cas in diese Kategorie einzuordnen. Daher ist die Konsultation auch von genereller Bedeutung für die Risikobewertung von Pflanzen aus Neuer Gentechnik (NGT). Die Art und Weise, wie die EFSA mit diesem Thema umgeht, erscheint aber völlig unzureichend.

Die EFSA wurde im September 2021 von der EU-Kommission beauftragt, einen Bericht über die Risikobewertung insbesondere ‚cisgener‘ Pflanzen zu verfassen, in dem auch die Verfahren der Neuen Gentechnik berücksichtigt werden sollten. Der Entwurf der EFSA wurde im Mai auf der Website zur Konsultation veröffentlicht.

Bei der Formulierung ihres Arbeitsauftrages an die EFSA bezog sich die Kommission auf äußerst fragwürdige Annahmen, die das Ergebnis wohl erheblich beeinflusst haben. So stellte die Kommission fest, dass die meisten Verfahren der Neuen Gentechnik ‚keine neuen Risiken im Vergleich zu konventioneller Zucht und transgenen Pflanzen zeigen‘. Damit wird der Eindruck erweckt, dass die Risiken, die mit der Neuen Gentechnik einhergehen, denen aus konventioneller Zucht gleichgesetzt werden können.

Obwohl diese Behauptung offensichtlich falsch ist, war sie einer der Ausgangspunkte für die Erstellung des Entwurfes der EFSA. Dies könnte eine Ursache dafür sein, warum die Unterschiede zwischen (cisgenen) NGT-Pflanzen und konventionell gezüchteten Pflanzen hier deutlich zu kurz kommen. Diese Unterschiede betreffen die beabsichtigten und die unbeabsichtigten Effekte und treten unabhängig davon auf, ob zusätzliche Gene eingefügt werden oder nicht. Infolgedessen gehen damit auch spezifische Risiken einher. Für diese Unterschiede gibt es viele Beispiele, eines davon sind CRISPR-Tomaten:

Wildformen der Tomate wurden mit Hilfe von CRISPR/Cas gentechnisch so verändert, dass sie den Früchten aus konventioneller Züchtung ähnlich sehen. Obwohl dafür keine neuen Gene eingefügt wurden, unterscheidet sich die Zusammensetzung dieser Früchte deutlich von denen aus konventioneller Zucht. Deswegen könnten sie für den Verzehr ungeeignet sein und müssten eine umfassende Risikoprüfung durchlaufen. Dieses Beispiel wird von der EFSA im vorliegenden Entwurf nicht berücksichtigt.

Die natürliche Vielfalt an Genvarianten kann entscheidend für die Stabilität der Ökosysteme sein. In dieser Hinsicht birgt die Neue Gentechnik neue Risiken für die Umwelt, weil sie, im Vergleich zur konventionellen Züchtung, verschiedene Genvarianten mit größerer Effizienz und in höherem Ausmaß ‚uniformieren‘ kann. Dies birgt die Gefahr einer Destabilisierung der Ökosysteme.
Derartige Risiken werden von der EFSA nicht einbezogen.

Auch die unbeabsichtigten genetischen Veränderungen, die durch den mehrstufigen Prozess der Neuen Gentechnikverfahren verursacht werden, können sich beträchtlich von denen der konventionellen Züchtung unterscheiden: Oft wird zusätzliche DNA ungewollt ins Erbgut eingebaut und es treten genetische Veränderungen auf, die sonst nicht zu erwarten wären. Obwohl dies Gegenstand verschiedener wissenschaftlicher Publikationen ist, ignoriert die EFSA diese Unterschiede weitgehend.

Testbiotech ist besorgt darüber, dass die Wissenschaft im Rahmen dieser Debatte zunehmend zum Spielball wirtschaftlicher Interessen wird. Dieser Eindruck wird auch durch eine weitere Konsultation der EU-Kommission bestärkt, in der es um die Zukunft der Regulierung der Neuen Gentechnik geht. Mehrere BeobachterInnen kritisieren die auffällige Einseitigkeit der dort gestellten Fragen und äußern die Sorge, dass das Ergebnis dieser Konsultation dadurch beeinflusst werden könnte. Die EU-Kommission könnte aufgrund dieser einseitigen Ergebnisse vorschlagen, die meisten Pflanzen aus Neuer Gentechnik zu deregulieren, d.h. von einer verpflichtenden Zulassungsprüfung auszunehmen.

Kontakt:
Christoph Then, info@testbiotech.org, Tel 0151 54638040

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