Unabhängigkeit von Forschung und Behörden

Eine wichtige Voraussetzung für eine verlässliche Erforschung und Bewertung von Risiken ist die Unabhängigkeit von wirtschaftlichen Einzelinteressen. Unternehmen, die riskante Produkte entwickeln und sie vermarkten wollen, dürfen keinen Einfluss auf deren Risikobewertung haben. Diese Unabhängigkeit ist aber oft nicht gewährleistet.

Welche Folgen es haben kann, wenn ExpertInnen und Behörden nicht unabhängig sind, zeigt beispielsweise die Geschichte der Tabakindustrie: Bis vor einigen Jahren sahen auch in Deutschland viele renommierte WissenschaftlerInnen kein Problem darin, Forschungsaufträge aus der Industrie anzunehmen, sich von Tabakkonzernen auf Tagungen einladen zu lassen und gleichzeitig als unabhängige ExpertInnen aufzutreten. Dies hatte erhebliche Auswirkungen: Die gesundheitlichen Folgen des Rauchens konnten jahrzehntelang erfolgreich verleugnet werden.
Verschiedene Untersuchungen haben in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass es auch bei der Bio- und Gentechnologie massive Interessenkonflikte in europäischen und deutschen Behörden gibt. Die nötige Unabhängigkeit fehlt häufig. Die Probleme betreffen die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA genauso wie deutsche Behörden, z.B. das Bundesamt für Risikobewertung (BfR).
Bei der Gentechnik hat man es in der EU versäumt, den Aufbau von industrieunabhängiger Expertise systematisch zu fördern. Das hat verschiedene Ursachen. Staatliche Stellen und die Forschungsförderung in der EU sind eher auf die Förderung von Innovation und Wettbewerbsfähigkeit ausgerichtet als auf eine unabhängige Überprüfung von Risiken. Zudem werden an den Universitäten viele Projekte über Drittmittel gefördert, die von der Industrie oft großzügig bereit gestellt werden. WissenschaftlerInnen, die sich kritisch zu Wort melden, müssen mit Karrierehindernissen rechnen, teils werden sie regelrecht gemobbt. Unternehmen können die Veröffentlichung von kritischen Forschungsergebnissen sogar komplett verhindern: erhalten ForscherInnen Zugang zu patentierten Pflanzen und dem für die Untersuchung benötigten Vergleichsmaterial, müssen sie unter Umständen Verträge unterschreiben, nach denen die Veröffentlichung der Ergebnisse von der Firma genehmigt werden muss.