Die "schnellste Gen-Tomate der Welt"

 

Worum geht es?

Mit der ‚Gen-Schere‘ CRISPR-Cas ist es gelungen, mehrere Erbanlagen der Wildform von Tomaten gleichzeitig zu verändern. Durch ‚Schnitte‘ an sechs Genen entstanden aus kleinen Früchten, die an buschigen Pflanzen wachsen, Tomaten, die so ähnlich aussehen wie die derzeit im Handel befindlichen Früchte. Die Autoren aus den USA, Brasilien und Deutschland berichten, dass sie so die Ergebnisse jahrzehntelanger Züchtung innerhalb kürzester Zeit wiederholen konnten. Zudem hätten die neuen Gentechnik-Tomaten aber eine viel höhere Konzentration an gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen.

 

Was ist das Problem?

Bei der parallelen Veränderung mehrerer Erbanlagen auf einen Streich spricht man von „Multiplexing“. Obwohl dabei keine zusätzlichen Gene eingefügt wurden, sind die Ergebnisse erstaunlich: Die Zahl der Früchte, deren Größe und Form, Inhaltsstoffe und Wuchsform wurden in wenigen Arbeitsschritten und innerhalb kurzer Zeit verändert. Diese Möglichkeiten gehen technisch weit über das hinaus, was mit bisheriger Gentechnik möglich war. Doch auch die Risiken und Folgen sind komplexer: Bei der bisherigen Gentechnik wurden zusätzliche Gene (meist aus Bakterien) eingebaut, die Pflanze selbst aber sollte möglichst unverändert bleiben. Jetzt ist das Ziel, den Stoffwechsel der Pflanzen tiefgreifend und auf mehreren Ebenen zu verändern.

Auch wenn das Ergebnis so ähnlich aussieht wie eine herkömmlich gezüchtete Tomate, sind deren Inhaltsstoffe doch deutlich verschieden. Während man in der herkömmlichen Züchtung über viele Jahre und mehrere Entwicklungsstufen Erfahrungen mit entsprechenden Veränderungen der Pflanzen sammeln konnte, fallen alle diese Zwischenschritte jetzt weg. Mit den neuen Gentechnikverfahren kann man in kurzer Zeit viele Organismen mit neuen Eigenschaften in die Welt setzen.

Wie wir alle wissen, erfordert erhöhte Geschwindigkeit mehr, nicht weniger Kontrollen. Doch derzeit fordert die Industrie und andere Interessensgruppen, dass die neuen Gentechnikverfahren keinem Zulassungsverfahren unterliegen sollen. Kämen die neuen Pflanzen ohne Regulation und Risikoprüfung auf den Markt, wüsste kein/e LandwirtIn und kein/e GärtnerIn mehr, was er/sie eigentlich anbaut. Die Pflanzen könnten auch miteinander gekreuzt und kombiniert werden, ohne dass die Kombinationswirkungen im Detail überprüft werden. Die VerbraucherInnen verlören jede Auswahlmöglichkeit. Und nicht einmal die Behörden wüssten, welche Pflanzen oder Lebensmittel aus welchen Ländern importiert werden und wonach sie suchen müssten, wenn tatsächlich Schäden an Mensch oder Umwelt beobachtet werden.

 

Weitere Informationen:

Über die Tomate wurde in vielen Medien berichtet, dabei wurden die Risiken aber nicht thematisiert. So wurde insbesondere der Eindruck erweckt, hinter der Tomate stünden keine wirtschaftlichen Interessen, sondern nur der Nutzen für die KonsumentInnen. Tatsächlich haben an der Publikation federführend beteiligte US-WissenschaftlerInnen aber nicht nur zahlreiche Patente auf Pflanzen angemeldet, die mit neuen Gentechnikverfahren in ihrem Erbgut manipuliert wurden. Sie haben auch enge Verbindungen zum US-Konzern Calyxt, der demnächst die ersten Sojabohnen auf den Markt bringen wird, die in ihrem Erbgut per neuer Gentechnik manipuliert sind. Im Management von Calyxt finden sich zahlreiche ehemalige Manager von Monsanto.

Medien, die in Zusammenhang mit der neuen Gentechnik-Tomate nicht auch über diese Hintergründe berichten, geraten in die Gefahr, zu Werbeträgern von Firmeninteressen zu werden. Und auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das die Arbeit an den Tomaten mit öffentlichen Mitteln gefördert hat, muss sich fragen lassen, wer letztlich von derartigen Projekten profitieren wird.

 

Publication year: 
2018